In jedem dritten Haushalt in Europa lebt ein Mensch, der unter Schmerzen leidet. Etwa 17% aller Deutschen sind von lang anhaltenden, chronischen Schmerzen betroffen – also mehr als 12 Millionen Menschen. Durchschnittlich dauert ihre Leidensgeschichte sieben Jahre, bei mehr als 20% über 20 Jahre.
Schmerzen sind eine unangenehme Sinnes- und Gefühlsempfindung, die auf eine tatsächliche oder mögliche Verletzung hinweist. Das wissenschaftliche Verständnis von Schmerzen hat im Laufe der Zeit mehrere Schlüsselkonzepte hervorgebracht:
- Das Schmerzkonzept wird durch Erfahrungen erlernt.
- Die Schmerzerfahrung einer Person wird von biomedizinischen Gegebenheiten, psychologischen Problemen und dem sozialen Kontext beeinflusst, in dem die Schmerzen erlebt werden.
- Das Schmerzempfinden wird immer von den persönlichen Gefühlen, Wahrnehmungen und/oder Meinungen der betroffenen Person beeinflusst.
Schmerzen können stechend oder dumpf, periodisch oder ständig, pochend oder gleichmäßig sein. Manchmal sind Schmerzen sehr schwer zu beschreiben. Schmerzen können an einer bestimmten Stelle oder einem größeren Bereich empfunden werden. Die Schmerzintensität kann von gering bis unerträglich reichen.
Schmerzen machen uns in der Regel darauf aufmerksam, dass irgendwo im Körper etwas nicht stimmt: Sie zeigen uns, wo Reizungen, Wunden oder Entzündungen entstanden sind und ob sie sich möglicherweise ausbreiten. Dieser Schmerz ist kein Gegner, sondern ein Helfer. Solche akuten Schmerzen empfinden wir zum Beispiel bei Zahnweh, Verstauchungen, Prellungen, Schnittverletzungen, Sonnenbrand oder Muskelverspannungen. In der Regel klingen solche akut auftretenden Schmerzen von selbst ab, sobald die auslösende Ursache geheilt und beseitigt worden ist.
Bei Schmerzen die länger als 3 bis 6 Monate andauern, spricht man von chronischen Schmerzen. Der akute Schmerz hat eine Warnfunktion und ist biologisch sinnvoll: Er führt dazu dass wir unsere Aufmerksamkeit auf das Schmerzereignis lenken und weitere Schädigungen damit verhindern. Diese Alarm und Schutzfunktion des akuten Schmerzes geht beim chronischem Schmerz nahezu verloren.
Chronische Schmerzen sind hochkomplex daher gibt es über die Ursachen unterschiedliche Auffassungen und Vermutungen. Um die Ursache zu bestimmen und eine Behandlungsstrategie zu entwickeln können folgende Fragen helfen:
- Was denkst oder vermutest Du was die Ursache, der Auslöser für deinen Schmerz gewesen sein könnte?
- Erinnerst Du Dich an ein Ereignis oder eine Situation, die Du als Kind oder Erwachsener als schmerzvoll empfunden hast?
- Wie lange sind schon deine Schmerzen da?
- Wo befinden sich die Schmerzen?
- Wie fühlen sich die Schmerzen an (sind sie z. B. stechend, dumpf, krampfartig)?
- Wann begann der Schmerz? Gab es irgendeine Verletzung?
- Wie begann der Schmerz? Fing der Schmerz plötzlich oder schrittweise an?
- Ist der Schmerz ständig anwesend oder kommt und geht er?
- Tritt er vorhersehbar nach der Ausführung bestimmter Tätigkeiten (wie z. B. nach dem Essen oder nach körperlicher Anstrengung) bzw. bei bestimmten Körperhaltungen auf? Was sonst kann den
- Schmerzen noch verschlimmern?
- Was, wenn überhaupt, hilft, die Schmerzen zu lindern?
- Beeinträchtigt der Schmerz die Bewältigung des Alltags bzw. die Umgangsfähigkeit mit anderen Menschen? Beeinträchtigt er den Schlaf, den Appetit und die Darm- und Blasenfunktion? Und wenn ja, wie?
- Gibt es durch den Schmerz eine Beeinträchtigung der Stimmung oder des Wohlbefindens?
- Wird der Schmerz von Depressionsgefühlen oder Angstzuständen begleitet?
Aus psychologischer Perspektive sind seelische Ursachen vor allem für die Schmerzverursachung verantwortlich und belasten das Individuum und die zwischenmenschlichen Beziehungen erheblich.
Die Sozial Ökologische Perspektive zu Schmerz sieht die Ursachen von Schmerz in Beziehungsgeflecht sozialer Netzwerke und einer Mensch zu seiner Umwelt Beziehung. Pädagogische Sichtweisen hingegen befassen sich damit, wie Schmerz und insbesondere der chronischer Schmerz durch entsprechende Erziehung, Vermeidung von Gewalt und Vernachlässigung erst gar nicht entstehen sollte und heute wissen wir dass Lebenslaufbezogene seelische und körperliche Vernachlässigung und Schädigung erheblich zur Entstehung chronischer Schmerzen beitragen. Die Philosophische Sichtweise von Schmerz unterscheidet beispielsweise zwischen Schmerz und Leid. Gefühle, Gedanken, Willensakte, psychische und geistige Prozesse insgesamt stellen eine Transmaterielle Wirklichkeit dar. Transmateriell meint, das das erleben von chronischem Schmerz über das materielle hinausgeht. Mit dem Begriff der transmateriellen Wirklichkeit werden also subjektive Erlebnisinhalte erfasst.
Körpertherapie und die integrative Leibtherapie sind eine Therapie am Körper. Das ist der Ort, wo der chronischer Schmerz erlebt wird und Menschen die Empfindungen ihres Körpers erleben. Was könnte näherliegender sein, als sich daher mit diesem Leib- und körpertherapeutischen Verständnis dem Phänomen des chronischen Schmerzen zu nähern?
Ein psychosomatisches Schmerzverständnis.
Engel. dessen Studie bereits im Jahr 1959 im American Journal of Medicine über die Psychosomatik des Schmerzes erschien, vermittelte zu diesem Zeitpunkt schon ein sehr komplexes Verständnis von Schmerz. Engel formulierte:
- Schmerz schützt den Körper vor Verletzungen. Er trägt entscheidend bei zur Entstehung des Körperbildes und zur Erfahrung der Umwelt. Jeder Körper hat ein eigenes “Schmerzgedächtnis”.
- Schmerz hat eine sehr enge Beziehung zur Entstehung sozialer Beziehungen überhaupt: Schmerz führt zum Weinen, das Weinen ruft die Mutter, die Mutter tröstet und nimmt so den Schmerz. Für manchen Erwachsenen ist gewissermaßen die Hoffnung auf Tröstung den chronischen Schmerz Wert.
- Schmerz und Strafe werden ebenfalls in der frühen Entwicklung verbunden. Schmerz wird zum Signal, das man “böse” ist, wird so zum Zeichen für Schuld und kann in der Form der Sühne die Voraussetzung zur Entlastung von Schuld werden. Auch dieser Mechanismus scheint bei vielen Schmerzpatienten von großer Wichtigkeit zu sein.
- Schmerz hat auch eine frühe Beziehung zur Aggression und Macht. Der Schmerz der anderen befriedigt unsere Aggression. In der Wendung des Schmerzes gegen das eigene Selbst des Patienten wird viel Aggression befriedigt, nur ist er Selbst jetzt das Opfer.
- Damit hängt eng zusammen die Verbindung zwischen Schmerz und realem oder befürchtetem Verlust einer geliebten Person. Verluste schmerzen den Menschen, der Schmerz kann aber wiederum auch die Qual des Verlustes lindern. Der Patient leidet sozusagen mehr unter dem Schmerz als unter dem Verlust.
- Schmerz kann eine Beziehung zur Sexuellen Erregung haben. Die Kombination mit Schmerz kann zu einer Verstärkung der Erregung führen. Die entsprechenden sexuellen Empfindungen werden als sadistisch und masochistisch beschrieben.
Dies war ein erster wichtiger Schritt hin zu einem modernen Schmerzverständnis.
Weitere Beobachtungen über den Schmerz
Dazu schreibt Frau Dr. Med. Christiane Wolf die in Kalifornien Schmerzpatienten arbeitet folgendes:
-
- Alle Schmerzen sind echte Schmerzen. Es gibt keine eingebildete Schmerzen.
- Jeder Schmerz entsteht im Gehirn. Ein Beispiel ist der Phantomschmerz, bei dem es den schmerzenden Körperteil zwar nicht mehr gibt, die betroffene Person aber dennoch im entsprechenden Bereich schmerzen empfindet. Das Gehirn kann auch körperliche Schmerzen aus Erinnerung schaffen.
- Das, was wir als Schmerzrezeptoren bezeichnen, Nocizeptoren, sind korrekt Übersetzt eigentlich Gefahrenrezeptoren. Der Körper schickt ein Gefahrensignal an das Gehirn: “Achtung Gehirn, hier könnte etwas Gefährlich sein!”
- Das Gehirn entscheidet dann, ob diese Gefahr relevant ist und ob es Schmerz produziert, und wen ja, wieviel.
- Akuter Schmerz ist protektiv, das heisst, er beschützt uns meist angemessen: Wir ziehen etwa die Hand von der Heissen Herdplatte.
- Chronischer Schmerz ist überprotektiv. Das Gehirn “lernt” Schmerz, das heisst, es wird bei chronischen Schmerzen mit der Zeit immer “besser” darin, potenzielle Gefahr (=Schmerz) zu entdecken.
- Bei akutem Schmerz gibt es eine direkte Korrelation zwischen dem Ausmass der Verletzung und dem Ausmaß des Schmerzes. Wenn ich mich an einer Sicherheitsnadel steche, tut das ein bisschen weh, schneide ich mir beim Gemüseschnippeln in den Finger, schmerzt das entsprechend mehr.
- Bei chronischem Schmerz besteht diese direkte Verbindung zwischen dem Ausmaß der Verletzung und dem Ausmaß des Schmerzes nicht mehr. Umfangreiche Studien zeigen zum Beispiel, das man anhand des Ausmasses der Degeneration der Wirbelsäule im MRT keine Aussagen darüber Treffen kann, ob bei der betreffenden Person überhaupt Schmerzen vorhanden sind oder wie stark.
- Chronischer Schmerz kann durch diverse Faktoren beeinflusst und verschilimmert werden: Stress, Schlaf, Beziehungen, Nahrungsmittel, Alkohol, Wasseraufnahme, Erinnerungen, Glaubenssätze, Umfeld, Emotionen, Wahrnehmung, ärztlicher Rat, Sport usw.
- Hirnscans zeigen, das das Gehirn bei chronischen Schmerzen versucht, die tatsächliche Körperwahrnehmung zu unterdrücken. Das führt langfristig zu zwei Problemen: 1. Die Schmerzerfahrung stimmt oft nicht mehr mit den tatsächlichen Erfahrung im Gegenwärtigen Augenblick überein; und 2. werden auch angenehme Empfindungen wie Freude allgemein unterdrückt
Akuter Schmerz
Akuter Schmerz ist ein Symptom. Dieses Symptom übt eine für unseren Körper notwendige Warnfunktion aus. Das Wort „akut“ meint hier einen plötzlich auftretenden Schmerz, der nur für einen definierten Zeitraum anhält.
Welche Ursachen können für akuten Schmerz verantwortlich sein?
Ursachen können Verletzungen, Entzündungen, Hitze- und Kältereize, mechanische und chemische Reize sein. Alle Faktoren führen für sich alleine oder in Kombination zu einer Gewebeschädigung.
Direkt und indirekt werden Tastkörperchen aktiviert, die die Schmerzsignale über Nerven und das Rückenmark bis ins Gehirn leiten, dorthin, wo die eigentliche Schmerzwahrnehmung stattfindet. Vom Gehirn aus gesteuert, werden die Schmerzsignale moduliert, um sicher zu stellen, dass die Nervenzellen im Gehirn gesund bleiben. So wirkt der Organismus der Entstehung des chronischen Schmerzes entgegen.
Schmerz als Schutzfunktion
Um Gewebeschäden zu verringern oder zu vermeiden sind auch Reflexe auf Rückenmarksebene in diesen Prozess eingebunden. Dadurch wird zum Beispiel erreicht, das wir unsere Hand von der heißen Herdplatte zurückziehen, noch bevor wir den Schmerz als Schmerz im Gehirn voll wahrgenommen haben.
Chronischer Schmerz
Viele Menschen erleiden langanhaltenden oder häufig wiederkehrenden Schmerz. In wissenschaftlichen Studien werden dabei für die Festlegung, ob es sich um einen chronischen Schmerz handelt, Zeiträume von 3 oder auch 6 Monaten Schmerzdauer genannt. Aktuelle Forschungsergebnisse legen sogar nahe, dass die Chronifizierung auch schon nach Tagen und individuell eintreten kann. Vereinfacht dargestellt, wird also länger anhaltender Schmerz dann als chronisch behandelt, wenn eine Dauer von 3 Monaten überschritten wird oder für diesen Schmerz eine hohe Chronifizierungstendenz bekannt ist, wie das bei der Postzosterischen Neuralgie, dem Schmerzsyndrom in Folge einer Gürtelrose, der Fall ist. Für den betroffenen Schmerzpatienten spielt eine solche Einteilung aber eine untergeordnete Rolle. Er benötigt kompetente und empathische Hilfe.
Chronischer Schmerz führt, nach Meinung von Fachleuten, zu einer eigenständigen Krankheit. Man spricht heutzutage von einer Schmerzkrankheit. Mittlerweile können in diesem Zusammenhang sogar Veränderung der Nervenzellen im Gehirn nachgewiesen werden. Diese veränderten Nervenzellen werden als Schmerzzellen bezeichnet, weil sie Ihre ursprüngliche Funktion eingebüßt haben.
SchmerzGedächtnis
Das ist die physiologische Grundlage für die Entstehung des Schmerzgedächtnisses. Dadurch wird verständlich, dass sich die Schmerzwahrnehmung bei einem lang anhaltendem Schmerz verändert.
In diesem Falle hat der Schmerz seine biologisch sinnvolle Warnfunktion verloren. Eine körperliche Ursache kann, aber muss nicht mehr vorhanden sein. Wenn keine körperliche Ursache für den Schmerz gefunden wird, kann das besonders belastend sein. (siehe auch Deutsche Schmerzgesellschaft).
Nozizeptiver Schmerz
Nozizeptiver Schmerz ist der am häufigsten auftretende Schmerz und kann auch nach der Region, in der er verortet wird, untergliedert werden. Beispielhaft seien hier Muskelschmerz, Gelenkschmerz, Bauchschmerz erwähnt.
Als nozizeptives System wird das gesamte System der Schmerzentstehung, der Schmerzleitung, der Schmerzwahrnehmung und der Schmerzmodulation genannt. Es ist also nicht spezifisch für den nozizeptiven Schmerz, sondern genauso für den neuropathischen Schmerz zuständig.
Nozizeptiver Schmerz entsteht durch die Reizung spezieller Schmerzrezeptoren, der sogenannten Nozizeptoren und wird häufig als drückend, ziehend und stechend wahrgenommen. Die Schmerzrezeptoren befinden sich vor allem in der Haut, im Bindegewebe, in Muskeln, in Knochen und Gelenken. Auch zu den inneren Organen gibt es Verbindungen. Dort sind die Rezeptoren allerdings weniger dicht angesiedelt, was die Ursache für die häufig schwierige Lokalisation des viszeralen Schmerzes sein kann.
Neuropathischer Schmerz
Ursache sind häufig mechanische, stoffwechselbedingte oder entzündliche Reize, die von verschiedenen Erkrankungen hervorgerufen werden und schädliche Stoffe wie Zucker und Alkohol. Beispiele sind Bandscheibenvorfälle, Diabetes mellitus, Gürtelrose oder Folgen von Rückenmarks- und Nervenverletzungen, Schlaganfällen oder Amputationen.
Ein wesentlicher Aspekt im Umgang mit chronischen Schmerzen ist, diese Wahrnehmungsvermeidung rückgängig zu machen, indem wir lernen, Körperempfindungen so zu spüren, das sie nicht als überwältigend und gefährlich wahrgenommen werden.
Bei der deutschen Schmerzgesellschaft e.V. finden Sie Hilfe zur Selbsthilfe, Selbsthilfe-Gruppen, Besonderheiten, hilfreiche Buchempfehlungen und viel mehr…
Bibliographie: MDS Manuals;